Die Stärke des Bürgersektors und der Bürgergesellschaft

Empirische Befunde: Die Explosion des Bürgersektors über Zivilcourage und Ehrenamt hinaus
• Richtig ist: die Zahlen des Engagements im Rahmen eines traditionellen Ehrenamts sind leicht rückläufig. Richtig ist aber auch: das professionelle full-time Engagement für Aufgaben des traditionellen Ehrenamts hat zweistellige Wachstumsraten.
• Der “Dritte Sektor” oder soziale Nonprofit-Sektor ist der professionalisierte Teil der Zivilgesellschaft, also der Sphäre der Assoziationen zwischen Staat, Markt und Familie. Er bezeichnet einen gesellschaftlichen Bereich, der durch ein Neben- und Miteinander von Marktmechanismus, staatlicher Steuerung und Leistung und gemeinschaftlicher bzw. familiärer Arbeit geprägt ist, in dem jedoch keiner dieser Mechanismen eindeutig vorherrscht.
• Dieser Dritte Sektor entwickelt sich seit dem Beginn der 80er Jahre zum “Bürgersektor” (Citizen Sector). Die Wachstumszahlen des Bürgersektors sind – jenseits traditionellen „Ehrenamts“ – dramatisch. Hintergrund: Wann immer ein Sektor die Instrumente und Verfahren entwickelt, Mehrwert zu schaffen und zu steigern, steigt die Produktivität / Massentauglichkeit dramatisch an – Beispiel: Staat seit dem 16. Jahrhundert (Renaissance), Wirtschaft seit Beginn des 18. Jahrhunderts
• Der soziale Dritte Sektor, lange der finanzielle Profiteur zwischen organisierendem und umverteilendem Staat und produzierender Wirtschaft, beginnt seit etwa 1980 weltweit „aufzuwachen“ und professionalisierte Verfahren und Methoden zu entwickeln, (sozialen, kulturellen, sogar politischen) Mehrwert (Dienstleistungen, Problemlösungen…) zu schaffen.
• Seit 1960 ist die Anzahl der Beschäftigten im Bürgersektor in Deutschland um 380 Prozent gewachsen, im Wirtschaftsbereich minus 2 Prozent. Zweistellige Wachstumsraten z.B. bei Stiftungen in den letzten Jahre, allein in den 5 Jahren zwischen 2000-2005 wurden 1,6 mal mehr Stiftungen gegründet (ca 4800) als in den 30 Jahren zwischen 1960-1990 zusammen (ca 3000). 1996 erste deutsche Bürgerstiftung in Gütersloh, 2006: 44 Neu-Gründungen.
• In den OECD-Ländern schafft der Bürgersektor zweieinhalb bis dreimal so viele Arbeitsplätze wie die restliche Wirtschaft. In Brasilien gab es 1980 nur 5000 bürgergesellschaftliche Organisationen, im Jahr 2000 über eine Million. In Indonesien gab es Ende 1980 eine Umweltorganisation – heute über 2000. Slowakei 1989: 11 bürgergesellschaftliche Organisationen, 2000: über 10.000.
• Die Explosion des sozialen / Dritten Sektors in einen eigenständigen Bürgersektor verdankt sich erstens der Zunahme unternehmerischen Denkens und Handelns und der Anwendung von erfolgreichen Business Practices / Ausbildung von unternehmerischen und wettbewerblichen Strukturen auf den sozialen Sektor, zweitens einer Wohlstandsexplosion in der westlichen Welt (Wachstum von Philantropie) und drittens der Informationsrevolution der digitalen Globalisierung
• Im Ergebnis erleben wir soziales Unternehmertum in einer sozialen Mehrwertswirtschaft, das den Gap zur Konsum-Ausrichtung der Marktwirtschaft zunehmend schließt – der Schlüssel liegt in der Zusammenarbeit des Bürgersektors mit der Wirtschaft und Staat.
• Der Bürgersektor als professionalisierter Teil der Bürgergesellschaft ist ein zentraler politischer Motor dezentraler Selbstbestimmung und Selbstorganisation jenseits des Staates.

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